Wissen Sie eigentlich, was Stellschrauben sind? Es sind mögliche Einfluss-oder Regelungspunkte, an denen man justieren kann, um einen Prozess, ein Problem oder ein System zu verbessern oder zu steuern (KI). Der Begriff kommt aus dem Technikbereich, wird aber im übertragenen Sinne auch für Lebenseinstellungen benutzt. Stellschrauben des Lebens ergeben sich in vielerlei Situationen. Schon in den ersten Lebensmonaten eines Säuglings drehen die jungen Eltern daran: In welcher häuslichen Umgebung wächst das Kind heran? Die wirtschaftlichen Verhältnisse spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Größe. Gerade wenn heutzutage viel von der Kinderarmut zu lesen und zu hören ist, sind die Stellschrauben für die Zukunft der Kinder falsch justiert. Entweder ist es die materielle Not mancher Familien oder das Gegenteil ist der Fall. Der Nachwuchs wird in jeder Hinsicht verwöhnt -heute spricht man vom Pampern -und wird schlimmstenfalls lebensuntüchtig. Wer sich nie anstrengen muss, um ein Ziel zu erreichen, glaubt tatsächlich, dass die Lebensumwelt nur dazu da ist, ihn oder sie zu unterstützen. Angefangen vom Kindergarten bis zum Studium oder der Ausbildung werden alle möglichen Steine aus dem Weg geräumt. Es mag ja gut gemeint sein, aber wie lautet der Satz aus Goethes Tagebuch dazu: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Manch eine oder einer, die oder der sich an seine Kindheit und Jugend erinnert, wird zustimmen, wenn es darum ging, Steine aus dem Weg zu räumen: einen erwünschten Schulabschluss zu erreichen, einen Meisterbrief in der Tasche zu haben und viele Beispiele mehr. Wer die Stellschrauben des Lebens gut zu bedienen weiß, wird nie das Gefühl haben, Vergebliches getan zu haben, auch wenn -und das ist weithin der Normalfall -manche Schraube überdreht wird und die Dinge nicht immer so verlaufen wie gewünscht. Die Hauptsache dabei ist, sich dessen bewusst zu werden und hier und da „zurückzuschrauben“, sich einzugestehen, dass nicht jeder Wunsch erfüllbar ist. Dieser Ansatz steht ganz im Gegensatz zu dem oft propagierten „alles ist möglich“. Man kann das auch Bescheidenheit nennen. Auch in unserer Kirche wird derzeit heftig an Stellschrauben gedreht. Die Synode, das heißt das Parlament der Kirche, hat gerade den Umbau des „Kirchengebäudes“ beschlossen. Alle Einzelheiten in diesem Beitrag zu beschreiben, würde zu weit führen. Deshalb nur ein paar Stichpunkte: Die Zahl der Gemeinden soll durch Zusammenlegungen drastisch verringert werden. In der Schwebe bleibt noch eine konkrete Anzahl. Der Mangel an geistlichem Nachwuchs ist offensichtlich so groß, dass nicht mehr alle bestehenden Pfarrstellen besetzt werden können. Es sollen also Großgemeinden entstehen, die dann nur wenige Pfarrstellen umfassen, und der „alltägliche Betrieb“ soll durch Ehrenamtliche bewältigt werden. Die Anzahl der Propsteien soll ebenfalls bis 2030 von elf auf vier verringert werden. Diese könnten dann jeweils aus bis zu vier großen Regionalkirchengemeinden mit mindestens 10.000 Gemeindemitgliedern bestehen. Künftig sollen „Kirchliche Ortsausschüsse“ in den ehemaligen Ortskirchengemeinden die kirchliche Arbeit unterstützen(Evangelische Perspektiven 4/25). Wie diese Arbeit konkret aussehen soll, ist indessen nicht klar und zum Teil auch heftig umstritten. Denn die Gefahr ist ganz real, dass das, was sich in der Theorie der Rationalisierung auf den ersten Blick schlüssig anhört, in der Praxis auf Grund laufen wird. Wo sind die angeblich vielen Ehrenamtlichen, auf die sich hier bezogen wird? Wo finde ich in Zukunft eine Pfarrerin oder einen Pfarrer, die oder der für mich da ist, kirchliche Handlungen wie Taufen, Trauungen oder Beerdigungen vollzieht? Was geschieht mit den Gottesdiensten, die wie bei uns in St. Christophorus in der Regel gut besucht sind? Muss ich dann nach Grasleben oder Schöningen fahren, um den Gottesdienst zu besuchen? Was tun die Älteren, die kein Auto mehr fahren können oder wollen? Überhaupt, finden sich so viele Ehrenamtliche, die die Aufgaben für eine Großgemeinde übernehmen können? Viele Fragen bleiben und werden in absehbarer Zeit nicht gelöst werden, zumal die benötigten Menschen jungen und mittleren Alters gar nicht zur Verfügung stehen. Selbst diejenigen, die der Kirche noch verbunden sind, steckenin den Anforderungen von Familie und Beruf und werden sich genau überlegen, ob sie sich auf ein derart zeitaufwändiges Ehrenamt einlassen könnten. Fazit: Bei aller Notwendigkeit, Kirche neu zu gestalten, müssen die Verantwortlichen an einigen Stellschrauben drehen, um -etwas flapsig gesagt -„den Laden am Laufen zu halten“. Das zu allererst ist die schwierige Aufgabe der neu gewählten Landesbischöfin Dr. Christina-Maria Bammel, aber auch derjenigen, die aktiv in den unterschiedlichen Gremien vom Kirchenvorstand bis zur Kirchenregierung mitarbeiten. Lebendiges Christentum darf keine Frage von irgendwie gestalteten Verwaltungseinheiten sein, sondern es ist das immer wieder zarte Pflänzchen, das es zu pflegen gilt. Haben Sie auch Stellschrauben, an denen Sie hoffnungsvoll drehen können, dann man zu! Mut zu haben, ist eine Frage des Lebens, nicht nur des Glaubens. Manfred Stoppe




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