Liebe Gemeinde, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst Otto Pietzaks! Vor zwei Jahren haben wir schon den 100. Geburtstag Otto Pietzaks begangen. Und sein Todestag liegt auch bereits 36 Jahre zurück. Sind die Bilder eines solchen Künstler-Oldies, die wir hier in unserer Ausstellung zeigen, nicht längst überholt? In unserer Welt von 2026 sehe ich als wacher Zeitgenosse täglich eine Fülle von grellfarbigen Nachrichtenbildern vor mir, die unter die Haut gehen. Kriegsszenen aus der Ukraine und aus Gaza. Horrorgesichter der Wirtschaftskrise. Zahllose neue Erdbebenopfer. Sterbende Ölpestvögel. Hungerdramen in Afrika. Lauter brandaktuelle Schlaglichter von heute! Doch wenn wir die Pietzak’schen Passionsbilder hier ringsum in unserer Christophorus-Kirche genauer anschauen, dann ist es erstaunlich: Da hat es mit Otto Pietzak offensichtlich einen sensiblen Menschen gegeben, der seit dreieinhalb Jahrzehnten tot ist und der alle unsere genannten Gegenwartsthemen längst vorweggenommen hat. Hier hängen lauter Bilder, die aussehen wie treffsichere Kommentare zu unseren Nachrichten von heute. Entstanden sind sie aber in den 70er-und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wie ist so etwas möglich? Der Schlüssel dazu liegt in der Person Otto Pietzaks begründet. Wer war dieser Mann? Als einer, der eng mit ihm befreundet war, der auch sein Gemeindepfarrer war und sein Ortsbürgermeister, vor allem aber sein langjähriger persönlicher Freund und Gesprächspartner, möchte ich mich an ein Experiment wagen. Ich möchte versuchen, innerhalb von ein paar Minuten deutlich zu machen, was für seine Persönlichkeit typisch ist. Nur die wichtigsten vier Punkte für ein kurzes Porträt. Der erste Punkt zeigt etwas, das man bei Otto Pietzak immer wieder betonen muss, weil es gerade seine Altersgruppe tief geprägt hat. Otto Pietzak gehört zu der Generation, die keine Ju-gend gehabt hat. 1924 ist er in Ostpreußen geboren. Zwischenkriegsjahrgang. Bei Hitlers Machtergreifung war er neun Jahre alt, bei Kriegsende 21. Also alles andere als eine Traumjugend. Und für ihn persönlich kam sein Unfall-und Behindertenschicksal hinzu. Wer schon als Zehnjähriger ein volles Jahr querschnittsgelähmt nur in Rückenlage zu verbringen hat und dreimal Laufen lernen muss, der lernt auch anders über sich und die Welt nachzudenken als ein unbekümmerter Gesunder. 1945 kam dann die erste von nur zwei großen Reisen in Otto Pietzaks Leben. Das war die Flucht. Mit der Mutter und drei Geschwistern. Der Vater hatte durch seine Berufskrankheit als Bergmann einen sehr frühen Tod gefunden -auch ein Stück miterlebte Passion in der Kindheit. Endpunkt der Flucht war Emmerstedt. In dieser unbekannten Welt auf dem platten Braunschweiger Land anzukommen, das hieß völliger Neuanfang in der Fremde zu einem Zeitpunkt, als bei manchen der Alteingesessenen der Begriff „Flüchtling“ noch Schimpfwort war. „Die Flüchtlinge und die Kartoffelkäfer werden wir nie wieder los!“, konnte man damals bisweilen hören. Sogar meine Generation hat das noch im Ohr. Erst recht damals die seine. Von alledem, was da hinter dem jungen Menschen Otto Pietzak lag, spiegelt sich manches direkt in seinen Bildern. Er war ein Mensch, der vor allem mit seiner Kunst gelebt hat. 41 Jahre lang hat er in Emmerstedt gewohnt. Lange blieb er sehr zurückgezogen. Wirklich geöffnet hat er sich meist nur im kleinen Kreis. Wenn er an Gemeindeveranstaltungen teilnahm, sagte er nichts. Aber oft kam er hinterher mit einem Bild. Das war dann sein nachträglicher Diskussionsbeitrag. Und der traf dann voll ins Zentrum. Manche unserer Ausstellungsstücke sind so entstanden. Am liebsten hat er sich in seine Arbeit vergraben. Seine Bilder, und auch das ist so typisch, hat er regelrecht als seine „Kinder“ bezeichnet. Und er hat sie innerlich alle vor Augen gehabt. Ob-wohl es am Ende mehr als 1000 gewesen sein dürften. Dabei hat er seinen „Nachwuchs“ lange Zeit geradezu versteckt. Zwei Jahrzehnte hat er nur für seine berühmten Schubladen gearbeitet. Und trotzdem hat er immer weitergemacht. Otto Pietzak war ein unglaublich feinfühliger Beobachter des Zeitgeschehens. Eine typische Szene, die mir da immer vor Augen steht. Man kommt zu Besuch. Tagesschau-Zeit. Ein Bericht über irgendein Katastrophengebiet läuft. Als Normalbürger registriert man das kurz und hakt es ab. Nicht so Otto Pietzak! Er hat die Menschen gesehen und musste zeichnen. Gewalt, Leid, Unrecht, eben die Passionsszenen anderer, haben ihn immer ganz persönlich verletzt. Der gefolterte Gefangene oder das verhungernde Kind war er dann selbst. Genau in dieser persönlichen Betroffenheit sind bei ihm anklagende Bilder gegen Krieg und Unterdrückung entstanden. Aber auch aus den seelenlosen Betonlandschaften der reichen Länder. Und aus ihrer zerstörten Umwelt. Pietzaks konsequente Grundhaltung war dabei immer ein tiefverankerter Humanismus, sozialkritisch, doch nie dogmatisch, je später, desto stärker auch überzeugend christlich geprägt. Und stets standen die „kleinen Leute“ im Mittelpunkt. Die „Mühseligen und Beladenen“ in ihrer Passion, die Wehrlosen, die man meistens übersieht. Auch heute wieder. Otto Pietzak hat sie jedenfalls nicht übersehen. Er hat ihnen im Gegenteil bewusst manches bleibende Denkmal gesetzt. In seinen Bildern. Otto Pietzak war ein Künstler ohne Vorbild. Er hatte eine völlig eigengeprägte Entwicklung. Wie er selbst erzählt hat, sind seine ersten Zeichenstriche in seiner ostpreußischen Klinik bei ständiger Rückenlage entstanden. Er ist absoluter Autodidakt geblieben. Es gab keine fachliche Anleitung. Keine prägenden Vorbilder. Keine Kunsthochschule. In seiner Behindertensituation hätte er die gar nicht besuchen können. Auch Anton Paul Weber, George Grosz, Käthe Kollwitz und Zille, mit denen sein Stil manchmal verglichen wird, hat er erst später kennengelernt. Die erste Kunstausstellung, die er gesehen hat, war seine eigene. Das erzähle ich immer besonders gern. Weil auch das so typisch ist! Seine frühesten ernsthaften Arbeiten waren sozialkritische Federzeich-nungen. Schwarzweiß, manchmal leicht koloriert, um zusätzliche Akzente zu setzen. „Zeichner der spitzen Feder“ ist er schon bei seinen ersten Ausstellungen in den 70er Jahren genannt worden -von einem Mann, der nicht vergessen werden darf, seinem Förderer Bernt Schürmann, unserem damaligen Helmstedter Landkreis-Kunstexperten, mit dem ihn eine herzliche, persönliche Freundschaft verbunden hat. In den letzten anderthalb Jahrzehnten seines Lebens hat sich Pietzaks Schaffen deutlich zur Farbe hin erweitert: Öl, Aquarelle, Acryl , Mischtechniken. Ein besonderes Kapitel sind die vom Künstler selbst so genannten „Leichten Linien“ ab 1982/83. Er hatte durch seine zahlreichen Ausstellungen –um die 20 schon zu Lebzeiten –immer mehr Anerkennung gefunden und konnte nun mit sehr viel Kreativität und Lockerheit arbeiten. Dabei entstanden absolut treffsichere, oft humorvolle Zeichnungen, die mit verblüffend wenigen Strichen auskommen. Eine sehr viel ernstere „Leichte-Linien-Zeichnung“ findet sich auch im letzten Teil unserer Ausstellung mit dem eindrucksvollen kleinen Bild „Jesus und seine Brüder“, in der der Gekreuzigte mitsamt den beiden Mitgekreuzigten bewusst mit einer einzigen durchgezogenen Linie gezeichnet sind. Ein mehrfach geäußerter Traum von Otto Pietzak war es, die Emmerstedter Kirche auszumalen. Das war natürlich unmöglich. Aber manchmal findet man sinnvolle Ersatzlösungen. So kommt es, dass Pietzaks letzter großer Bilderzyklus speziell zum Aufhängen in dieser Kirche geschaf-fen worden ist. Dieser Zyklus ist der „Emmerstedter Kreuzweg“, 14 Bilder zur Passionsgeschichte mit engem Gegenwartsbezug. Entstanden sind diese unerhört zeitnahen Bilder, bei denen die Soldaten z. B. Gewehre tragen, vor und nach der Fahrt mit uns zu Pietzaks Bilderausstellung im Mai 1989 an der Seniorenuniversität in Warschau, der „Universität des 3. Alters“, die unter der Leitung der Medizinprofessorin Halina Szwarc stand. Diese Fahrt nach Warschau war für Otto Pietzak dann die zweite große Reise seines Daseins (nach der Flucht) und zugleich der allerletzte Lebenshöhepunkt, der ihn sogar noch einmal für einen Tag in seine ostpreußische Heimat geführt hat. Ganz wenig in meinem Leben hat mich mehr bewegt als die Stunde, als mein Freund Otto fast ein halbes Jahrhundert nach der Flucht gemeinsam mit seiner mitgereisten jüngeren Schwester Erika in seiner Konfirmationskirche in Ostpreußen gestanden hat. Sie ist heute natürlich eine polnisch-katholische Kirche. In ihr hängt aber jetzt eine Original-Federzeichnung von Otto Pietzak: Christus in seiner Passion, zeitnah gesehen. Knapp vier Monate nach der Warschau/Ostpreußenreise, am 4. September 1989, ist Otto gestorben. Seine Trauerfeier haben wir bewusst unter das gleiche Bild gestellt, das er selbst einst nach dem Tode seiner Mutter gezeichnet hat. Wir haben es ja vorhin auch als Predigtgrundlage in den Mittelpunkt unseres Gottesdienstes gestellt. Wie ist die Entwicklung nach Otto Pietzaks Tod weitergegangen? Was ist mit seinen Bildern geschehen? 610 seiner Arbeiten sind als Pietzak-Stiftung vom Landkreis Helmstedt übernommen worden. Etwa 250 befinden sich bei mir in Sommersdorf. Eine repräsentative Auswahl von Emmerstedter Ortsmotiven gibt es im dortigen Museumshof. Der Rest seiner Werke ist verstreut meist im Privatbesitz. Ausstellungen haben, wie gesagt, etwa 20 schon zu Lebzeiten stattgefunden. Mehr noch posthum. Darunter im Magdeburger Landtag, in Halle, Eisenach, anlässlich des Reformations-jubiläums dann im Neuen Rathaus der Lutherstadt Wittenberg. Im Ausland aber auch in Helmstedts Partnerstadt Orastie. Unsere Ausstellung „Passion Jesu – heute“ hier in St. Christophorus ist inzwischen die 44. Pietzak-Präsentation. Noch ein kleiner Hinweis: Von einigen Bildern Otto Pietzaks gibt es auch Kunstdrucke in Originalgröße. Die können gegen eine angemessene Spende abgegeben werden. Sprechen Sie uns darauf einfach an! Soweit meine Einführung in unsere Ausstellung! Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit! Und ich danke besonders allen Helfern und der Kirchengemeinde St. Christophorus für die Gastfreundschaft zu Gunsten der Pietzak-Bilder! Und speziell an den Emmerstedter Posaunenchor, der jetzt gleich die Fortsetzung übernehmen wird, muss unbedingt noch ein Extradank gehen, dass er auch diesmal wieder die Veranstaltung für seinen alten Emmerstedter Mitbürger Otto Pietzak musikalisch begleitet! Pfarrer Dr. Beichler

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